Requiem

Hier findet ihr den vorigen Teil.


 

Ihr Körper brannte; sie krümmte und wand sich in einem Gefängnis aus Schwärze, die sie einhüllte und lähmte. Ihre Augen waren blind, und doch sah sie Dinge. Sie sah sich windende und miteinander ringende Farben, hörte mit tauben Ohren Schreie, roch mit verklebter Nase Blut. Sie sah sich selbst, zuckend in ihrem Blut auf dem Boden der Lounge und spürte gleichzeitig den harten Boden unter sich. Dann wieder lag sie reglos, festgehalten von Händen, die nur ihrem Mörder gehören konnten. Sie hörte geflüsterte Worte, die sie nicht verstand. Und dann spürte sie rasenden Hunger.

Dieser Hunger war so mächtig, dass er das Gefängnis, das sie umgab, zerriss, doch was dann war, unterschied sich in nichts von dem Wahnsinn vorher. Sie glaubte, wieder sehen zu können, und sah doch Dinge, die keine waren. Sie spürte ihren Körper, doch ihre Bewegungen gehorchten ihr nicht. Sie sah etwas und reagierte, ohne zu wissen, was sie tat. Ihr Geist und ihr Körper rasten. Um sie herum explodierten in einem unerträglichen Konglomerat Farben, Lärm und Lichter. Der Hunger brannte in ihren Eingeweiden, doch dann stillte sie ihn. Sie sah ein Festmahl und griff zu. Ihre Kiefer kauten nicht, doch ihre Kehle schluckte gierig. Es war warm und zuckend und köstlich, und es stillte den nagenden Hunger. Doch in ihrer Lust sah sie, dass es Augen hatte, die sie noch ansahen. Der Blick bohrte sich in ihre Augen hinein, brannte sie aus, und sie lag wieder vor Christopher, sterbend, und der brennende Blick war ihrer, der versuchte, ihn zu vernichten.

Es war vollkommen still. Um sie herum schien es hell zu sein. Langsam kroch etwas in ihren Geist, das ihr sagte, dass sie auf etwas Weichem lag. Dass es warm und trocken war, wo sie war. Dass sie geschlafen hatte und erwacht war.

Sapida öffnete die Augen, langsam und zögerlich. Um sie herum erkannte sie im sanften, gelben Schein einer Lampe ein Zimmer. Es war hell und geschmackvoll eingerichtet, und es kam ihr bekannt vor. Ihr Verstand arbeitete noch langsam, aber sie fühlte sich wohl. Als sie sich regen wollte, spürte sie, dass sie ein Laken zudeckte, und dass sie darunter vollkommen nackt war. Aus irgendeinem Grund regte sie diese Erkenntnis nicht auf. Mit der Selbstverständlichkeit eines Schlafwandlers zog sie das Laken an sich und richtete sich auf.

Als wäre dies ein Signal gewesen, öffnete sich eine Tür, und in dem Moment, als sie erkannte, wer eintrat, wusste sie wieder, wo sie war.

„Gut geschlafen?“ Er kam zu ihr und setzte sich neben sie. Sie lächelte unsicher.

„Ich habe einen Filmriss, glaube ich. Und ich habe irgendwas Furchtbares geträumt.“ Sie schauderte. Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie unter dem Tuch nackt war.

„Ist irgendetwas passiert, das… das ich wissen müsste?“, fragte sie. Christoph berührte ihre Hand. Sie fuhr zusammen, denn seine Haut war sehr kalt. Er hielt sie fest.

„Du musst so vieles wissen, kleine Anoush“, sagte er. Seine Stimme klang zärtlich und auf eine merkwürdige Art zufrieden. In ihr keimte Unwohlsein auf.

„Ich heiße Sapida“, sagte sie und fühlte sich befremdet, ihn daran erinnern zu müssen. Er lachte leise, dann sah er sie direkt an. Und trotz des sanften Lichts fuhr sie zusammen, denn seine Augen zeigten einen unnachgiebigen, stahlharten Ausdruck, der sie zutiefst beunruhigte.

„Nein“, erwiderte er. „Sapida ist tot.“

Und plötzlich stürzte die Erinnerung auf sie ein. An den Abend, den Kuss, das Messer und das Blut. Ihr Blut! Sie sprang auf und fasste sich an die Kehle, doch die war heil und ganz.

„Was… was hast du mit mir gemacht?“, fragte sie. Er stand auf und kam auf sie zu. Urplötzlich keimte Furcht in ihr auf, und sie wich zurück.

„Was ich gemacht habe?“, wiederholte er. „Ich habe dich entdeckt, Anoush, du schönes Raubtier. Ich habe dein Gefängnis zerrissen und dich aus dem Schmutz geholt. Ich habe dir gegeben, was dir gebührt.“ Seine Mundwinkel zuckten, und er lächelte, und es war das furchtbarste Lächeln, das sie jemals gesehen hatte, denn seine Lippen öffneten sich, und in seinem Mund sah sie lange, scharfe Fangzähne.

 


Die ganze Geschichte startet hier.

Herzblut

Hier geht es zum vorigen (3.) Teil


 

Es war, als würde sie fallen. Sie stand reglos und hatte gleichzeitig das Gefühl, jemand habe ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie spürte keinen Schmerz, keine Angst, nur absolute Fassungslosigkeit.

Die Überraschung über diese Wendung war so vollkommen, dass sie nichts anderes tat, als ihn anzusehen. Er hielt das Messer noch in der Hand, und die Klinge war blutig und rot. Sie wollte ihn fragen, was das solle, doch als sie den Mund öffnete, drang nur ein Gurgeln heraus, und gleichzeitig schmeckte sie Blut. Ihre Hand fuhr an ihre Kehle, und sie spürte warme, klebrige Feuchtigkeit.

Erst jetzt kam der Gedanke an Flucht auf. Sie wollte sich umdrehen und hinausrennen, doch als sie sich bewegen wollte, stellte sie fest, dass ihr Körper ihr nicht gehorchte. Unendlich langsam erkämpfte sie sich zwei Schritte, doch dann hielt eine Hand an ihrem Arm sie auf.

„Oh nein“, sagte seine Stimme. Die Worte zerrissen den Schleier des Unfassbaren, und sie starrte ihn an, diesen Mann, der sie eben noch geküsst hatte und nun mit dem Messer vor ihr stand. Sein Gesichtsausdruck war vollkommen verändert. Die blauen Augen waren stahlhart geworden, und in ihnen lag ein hungriger, raubtierhafter Ausdruck.

Dieser Verrat war so ungeheuerlich, dass die Wut noch immer ausblieb. Stumm versuchte sie sich loszumachen, doch er versetzte ihr einen Stoß, und sie fiel. Reflexartig wollte sie sich abfangen, doch ihre Arme glitten weg, und sie stürzte heftig. Um sie herum war es nass und rutschig. Sie rang nach Luft, doch es kam nur ein Pfeifen aus ihrer Kehle.

Erst jetzt drang plötzlich, mit unbarmherziger Klarheit, etwas in ihr Bewusstsein. Sie bekam keine Luft mehr. Um sie herum war alles voll von ihrem Blut. Sie würde sterben!

Ganz unvermittelt überflutete sie die Panik. Sie drückte ihre Finger auf die pfeifende Kehle und versuchte aufzustehen. Doch sie fand keinen Halt auf dem glatten Boden. Sie wand sich in dem Versuch, einen der Sessel zu erreichen, um sich hochzuziehen. Doch plötzlich war der Verräter bei ihr und drückte sie zu Boden.

„Ruhig“, sagte er sanft, „Panik macht es nur noch schwerer.“ Er kniete neben ihr, sein Hemd war blutbesudelt.  Er griff nach ihrer Hand und zog sie von ihrer Kehle weg, und obwohl die Bewegung fast behutsam war, war sie doch vollkommen unbarmherzig. Sapida spürte, wie das Blut durch die Wunde pulsierte und aus ihrem Körper hinausströmte. Ein Teil klebte bereits in ihrer Lunge, doch ihr fehlte die Kraft, zu husten. Sie sank zurück, doch sie konnte nicht aufhören, diesen Mann anzusehen, dieses Monster, das sie tötete. Er war vollkommen ruhig und schien sie zu betrachten, als sei sie ein verletztes Tier, auf dessen Tod man wartet, und dessen Todeskampf man irgendwie interessant findet.

Vor ihrem inneren Auge stiegen Bilder auf, von den letzten Stunden, aber auch von der Zeit davor. Von ihrer Familie, ihren Freunden. Ihr Bewusstsein schrumpfte auf diese Bilder zusammen. Sie konnte nicht mehr atmen, und ihre Glieder begannen haltlos zu zucken.

„Wie das wohl ist, zu sterben?“, fragte der Verräter leise. Noch immer waren seine Augen voller Hunger. Er strich ihr eine blutverschmierte Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein Finger brannte auf ihrer Haut. Sie konnte sich nicht wehren, aber er musste den auflodernden Hass in ihren Augen sehen. Doch er lächelte nur.

„Gute Nacht, Sapida“, sagte er, „leb wohl.“

Ihr Herz, das vorhin noch voller Erwartung gebebt hatte, raste nun in ihren Ohren. Es schlug und schlug verzweifelt, doch jeder Schlag trieb nur noch mehr Blut aus der Wunde. So klopfte es wild seinem Ende entgegen, vielleicht wissend, was geschah, doch ohne Macht, sein Schicksal zu ändern. Nur quälend langsam begann es zu stocken, und keine gnädige Ohnmacht erlöste sie von der Qual, den eigenen Tod mitzuerleben. Ihr Blick begann zu brechen; langsam kroch von allen Seiten die Dunkelheit in ihr Blickfeld. Der Krampf wich aus ihrem Körper, als spürte er, dass er den Kampf gegen den Tod verlor.

Wie in verlöschendem Licht sah sie, dass Christoph sich bewegte, seine Hand zu seinem Gesicht hob. Irgendetwas an ihm sah anders aus, doch sie konnte es nicht mehr erkennen. Flüssigkeit tropfte auf ihre Lippen, und ehe es vollkommen dunkel wurde, erkannte sie, dass sie dunkelrot war.

Dann war es schwarz, und sie sank in eine samtene, unendliche Dunkelheit. Vor ihren Augen erschien ein helles Licht. Es war warm und freundlich. Doch plötzlich begannen ihre Lippen zu brennen, und ein heißer Schmerz flutete von dort durch ihren ganzen Körper. Die Hitze verzehrte sie und riss sie mit sich. Das helle Licht flackerte auf und erstarb.


Hier geht es zum letzten Teil…

Millenium

Weiter geht es mit der kleinen Erzählung. Teil 1 und 2 sind hier und hier.


Es war eine grandiose Party. Ein anderes Wort fiel Sapida einfach nicht ein. Überall waren Menschen unterwegs, feierten, tranken und amüsierten sich prächtig.

Sie dachte, nach den Ausflügen ins P1 wäre sie schon einiges gewohnt gewesen. Aber der Kunstpark Ost war nochmal eine ganz andere Welt, viel lebendiger, viel echter. Hier trafen sich Leute aus der Münchner Schickeria ebenso wie Künstler, Geschäftsleute, Punks, Ausflügler und Jugendliche. Und heute? Zum letzten Tag des alten Jahrtausends war scheinbar alles hergekommen, was Rang und Namen hatte. Und alles, was weder das eine noch das andere hatte, sich darum aber nicht scherte.

Christoph hatte sie eingeladen, als Abschluss einiger Aufträge, die sie für ihn gemacht hatte. Nachdem er erfahren hatte, dass sie kein Silvester feiern würde, hatte er beschlossen, sie auf eine „richtige“ Party mitzunehmen.

„Dagegen ist das P1 steif und langweilig“, hatte er gesagt, „mitunter braucht man einfach eine Dosis Anarchie.“ Er hatte dabei gelacht und sie angeblinzelt, und genau dieser Moment war es, der sie die Einladung hatte annehmen lassen.

Und nun schlängelten sie beide sich durch die feiernden Menschenmassen. Von Club zu Club gingen sie, hörten Elektro im Nox, Irish Folk im Pub, gruselten sich in der Geisterbahn. Zwischendrin aßen sie Pizza. Alles um sie herum war lärmend und chaotisch, und Sapida entdeckte nicht nur, dass ihr dieses Tohuwabohu gefiel, sondern auch, dass Christoph hier viel gelöster wirkte als bei den Abenden im P1.

Sie trug das blaue, weich fließende Kleid, dass er ihr nach ihrem ersten Auftrag geschenkt hatte, zusammen mit der Sternenkette, die dazu gehörte, und einem breiten Gürtel, der das ganze weniger elegant und dafür partyhafter wirken ließ. Während sie sich so durch die Menschen treiben ließen, fasste irgendwann Christoph ihre Hand, um sie nicht in der Menge zu verlieren, und für eine Sekunde schien ihr Herz auszusetzen.

Erst dann verstand sie, was sie eigentlich bewogen hatte, diese Einladung anzunehmen: Es war der Gedanke daran, diesen Mann einen ganzen Abend gelöst zu erleben, ohne die förmliche Distanz oder die aufgesetzte Vertrautheit ihrer Aufträge. Sie hatte wissen wollen, wie er sich als Privatmann gab. Und nun fand sie heraus, dass er ungezwungen und locker war. Und dass sie das anziehend fand.

Der Abend schritt fort, und sie spürte, wie sie aus einem unerfindlichen Grund immer nervöser wurde. Die Stunden bis zur Mitternacht rannen dahin, und sie merkte, dass sie das neue Jahr ungeduldig erwartete, ohne zu wissen, warum. Vielleicht lag es wirklich an dem historischen Datum, dem viele mit einer Mischung aus Freude und Beunruhigung entgegensahen.

Gegen halb elf führte Christoph sie in einen Rockschuppen, das Titty Twister. Der Name des Clubs war einem Tarantino-Streifen entlehnt, und als sie gestand, dass sie diesen Film nicht kannte, hatte Christoph ungläubig geschaut und  dann lachend gemeint, dass er das sofort in der kommenden Woche ändern würde. Diese hingeworfene, unachtsame Bemerkung ließ ihr Herz hüpfen, denn ganz offensichtlich dachte er nicht daran, dass dieser Abend ein irgendwie gearteter Abschluss ihres Kontakts sein könnte.

Die Rockmusik und der Cocktail, den Christoph ihr reichte, gingen ihr ins Blut, und sie bewegte sich mit halbgeschlossenen Augen träge zur Musik. Unter ihren Augenlidern hindurch sah sie ihn am Rand der Fläche stehen. Er schien sie zu beobachten. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie ihm mutig zu und war im gleichen Moment schon darüber erschrocken. Denn er erwiderte das Lächeln und trat an sie heran.

Sie hatte bisher nur selten in ihrem Leben überhaupt auf Partys getanzt, und noch niemals war ihr ein Mann dabei in irgendeiner Form nahe gekommen. Jetzt spürte sie Christoph ganz dicht hinter sich. Er berührte sie nicht, aber sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken, und ihr wurde furchtbar heiß. Als das Lied endete, floh sie auf die Toilette und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln.

Als sie zurückkehrte, war sie wieder die unnahbare Schönheit, deren Rolle sie die letzte Zeit so gründlich geübt hatte. Er ließ sich nichts anmerken und sprach so unbekümmert mit ihr, als habe er nichts bemerkt. Nach einer Weile schlug er vor, nach oben zu gehen, denn dort gab es eine Lounge mit großen Fenstern, durch die man das Feuerwerk über der Stadt betrachten konnte.

Sie gingen hinauf. Ihre Beine fühlten sich eigenartig körperlos an, als folgten sie nicht ihrem Willen. Oben war noch nichts los, aber es würde nicht lange dauern, bis noch mehr Zuschauer sich die besten Plätze am Fenster reservieren würden.

Sie standen nebeneinander am Fenster und sahen auf die Lichter der Stadt hinaus. Sapida zog an dem Strohhalm, der in ihrem Cocktail steckte.

„Ich habe mich noch gar nicht für den Abend bedankt“, meinte sie. Er lächelte.

„Gern geschehen. Und ich danke dir für deine Begleitung.“ Er trat einen Schritt näher. „Nicht nur für die gute Arbeit im P1, sondern auch hier. Es war ein wundervoller Abend.“ Sein Lächeln wurde breiter, und der Blick aus seinen Augen ließ sie erzittern. Sie zog hastig an ihrem Cocktail und stellte fest, dass er leer war. Sie wandte sich ab und wollte ihn irgendwo abstellen, doch Christoph war schneller, nahm ihn ihr ab und stellte ihn beiseite. Jetzt waren ihre Hände leer. Ehe sie sich entscheiden konnte, was sie mit ihnen anfangen sollte, ergriff er sie und hielt sie fest.

„Was ist?“, fragte er leise, als er den kalten Schweiß auf ihren Händen spürte. Sie schluckte.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie. Ihr Mund war trocken, und sie blickte hastig beiseite. Jemand hatte die Tür zur Lounge geschlossen. Sie waren allein.

Christoph ließ ihre Hände los, und ein Finger schob sich unter ihr Kinn. Er drehte ihren Kopf und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

„Ich möchte unsere Zusammenarbeit gerne ausdehnen“, sagte er leise, und sie verstand ihn beinahe nicht, so laut klopfte ihr Herz in ihren Ohren. Und ehe sie irgendwas erwidern, überhaupt irgendetwas denken konnte, neigte er den Kopf und gab ihr einen Kuss.

Die ganze Welt schien still zu stehen, zusammenzuschrumpfen auf diesen Augenblick, auf das Gefühl seiner Lippen auf den ihren. Sie wagte kaum zu atmen. Aus ihrem Herzen stieg Hitze auf und erfüllte ihren ganzen Körper. Als er schließlich seine Lippen von ihr löste, musste sie nach Luft schnappen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er. Sie nickte und musste gleichzeitig lachen.

„Ja“, bekam sie schließlich heraus. „Ich war nur…“ Sie brach ab. Wollte sie ihm sagen, dass dies ihr erster Kuss überhaupt gewesen war?

„Ich… ich würde unsere Zusammenarbeit auch gerne ausdehnen“, sagte sie stattdessen und musste über die Formulierung lächeln. Christophs rechte Hand verschwand in seiner Jackentasche, mit der linken ergriff er ihre rechte.

„Das freut mich“, sagte er noch, und plötzlich blitzte in seiner rechten Hand etwas auf. Es war ein Springmesser, und einen Sekundenbruchteil später fuhr die Klinge tief in Sapidas Kehle und zerschnitt ihre Luftröhre.


Hier geht es zum 4. Teil.

Beitragsbild: pyroweb.de

Woanders, am nächsten Morgen

zweiter Teil zu diesem Beginn: Ein Zimmer in dunkler Nacht


 

Langsam lief sie durch die dunklen Straßen des Viertels. Es war noch früh, und außer den Kindern, die sich auf den Weg in die Schule machten, war noch nichts auf den Straßen und Plätzen los. Nur wenige hier hatten eine Arbeit, die sie zwang, so früh aufzustehen.

Sapida zog den Kopf tiefer zwischen ihre Schultern. Es war frostig, und Reif bedeckte Straßen und das Gras der Grünstreifen. Es knirschte unter ihren Turnschuhen, als sie hinüber zum Stanigplatz ging. Die Kälte unter den dünnen Sohlen ließ sie schaudern, und sie bemühte sich, es zu ignorieren.

Im Ignorieren war sie geübt. In dieser Welt, in der sie lebte, gab es so viel, das sie zu ignorieren gelernt hatte: Die Penner auf den Parkbänken, die verwahrlosten Häuserfronten, die heruntergekommenen Straßen, die mit Glasscherben übersät waren. Sie kickte einen kleinen Stein weg, der neben einem Schlagloch lag.

Der gestrige Abend brannte in ihren Gedanken. Sie war nie viel aus dieser kleinen Welt der Häuserschluchten herausgekommen; der Weg in die Stadt war ihr normalerweise zu weit, und außerdem: Was sollte sie da? Sich in Neid ergehen über all das, was sie nie würde haben können, was niemals erreichbar für sie war? Allein die Fahrt nach Haidhausen war ihr wie ein Abenteuer erschienen. Und dann, als ihr klar wurde, wohin sie ihr Auftrag führen würde …

Sie schüttelte den Kopf, doch die Eindrücke wollten nicht weichen. Die ganze restliche Nacht hatte sie von diesen Stunden geträumt, die sie in eine andere Welt entführt hatten, in eine Welt voller Musik, Licht, schöner Frauen und gepflegter Männer, und in der ein für sie kaum fassbarer Luxus herrschte.

Sie erreichte Ahmeds kleinen Kiosk, der schon geöffnet hatte. Wie jeden Morgen reichte er ihr lächelnd ein Gläschen dampfenden Mokkas. Während das vertraute, fast dickflüssige Getränk über ihre Zunge rann, erinnerte sie sich kurz an den Geschmack des Kaffees, den sie gestern Abend getrunken und der das Fünffache von diesem Glas gekostet hatte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand des Kiosks, genau dort, wo sie jeden Morgen stand. Schüler kamen und gingen, die sich für ein paar Pfennige Süßigkeiten oder ein Negerkussbrötchen kauften. Niemand sprach sie an, aber jeder kannte die große junge Frau in den Hiphop-Klamotten.

Sie blinzelte zum Himmel. Im Osten, über den Sportanlagen, die sich an den Platz anschlossen, begann der Morgen zu dämmern. Die Nacht war eiskalt gewesen, und es versprach ein klarer Tag zu werden. Sie schloss die Augen, nippte an dem heißen Kaffee und dachte nach.

Der Auftrag war keine Schwierigkeit gewesen, und sie hatte fast ein schlechtes Gewissen ob der überreichen Bezahlung. Als sie freilich gestern gesehen hatte, wie die Menschen in diesem Umfeld mit Geld umgingen, war ihr klar geworden, warum Christoph ihr ohne Zögern die Summe geboten hatte, die sie brauchte.

Jetzt war die Arbeit getan, sie hatte das Geld und war wohlbehalten wieder nach Hause gekommen.  Oben in der kleinen Wohnung lag im Schrank, sorgsam zusammengefaltet, das Kleid, das er ihr für den Auftrag gegeben hatte. Heute Nacht auf der abgewetzten Couch hatte sie im Traum manchmal das Gefühl gehabt, der schwere, fließende Stoff streiche noch immer über ihre Haut.

Eigentlich verachtete sie Kleider, doch das lag in erster Linie an den Frauen, die sie hier in dieser Umgebung trugen. Weder mit den verhüllten Müttern in ihren schwingenden Röcken noch mit Gleichaltrigen in ihren billigen, glitzernden Miniröcken konnte sie etwas anfangen. Sie hasste es, mit ihnen verglichen zu werden. Hier, wo jeder die Frau aus dem Boxclub kannte, war das kein Thema mehr. Keiner wagte es, sich mit ihr anzulegen. Genau das hatte ihr den Job bei Christoph verschafft. Doch dort, wo sie eine Abendgarderobe als Teil ihrer Maskerade tragen musste, hatte es ihr letzten Endes nichts ausgemacht. Sie hatte die Blicke gespürt, die sie auf sich gezogen hatte, doch das Wissen, dass sie diese zu einem bestimmten Zweck auf sich nahm, hatte das Ganze erträglich gemacht. Und die Tatsache, dass diejenigen, die mich angesprochen haben, es wenigstens charmanter und weniger plump taten als die Idioten hier, dachte sie nüchtern.

Sie schwenkte langsam das fast leere Glas und betrachtete den dicken Kaffeesatz. Christoph hatte ihr gesagt, sie solle alles auf seinen Namen bestellen, und das hatte sie getan. Trotzdem hatte sie mitbekommen, was die Drinks gekostet hatten. Mit dem Geld, das sie dort vertrunken hatte, hätte ihre Mutter eine Woche haushalten können. Wieder zwickte das schlechte Gewissen.

Schluss jetzt! befahl sie sich, es bringt nichts, darüber nachzusinnen, dass es dort Menschen gibt, die mehr Geld an einem Abend ausgeben, als mancher hier in einem Jahr in seinen Händen hält. Energisch trank sie den Kaffee aus und gab das Glas zurück. Die Welt war ungerecht, aber das war keine neue Erkenntnis.

Als sie sich wieder auf den Weg machte, dachte sie nochmal an ihren Auftraggeber. Sie hatte Christoph als Partner von Arslan kennengelernt, dem der Boxclub gehörte. Er wollte den Club ausbauen und attraktiver machen. Er hatte sie angeheuert, um bei einem heiklen Gespräch ein Auge auf ihn zu haben. Das hatte sie getan. Ihre Dienste waren nicht benötigt worden, aber sie hatte eine Welt gesehen, die sie nur dem Namen nach kannte. Und die sie tief beeindruckt hatte. Doch ob sie ihr auch gefiel, wusste sie nicht recht.

Sie erreichte den Boxclub und trat ein. Arslan und Pavel waren schon da; es würde bald eine Schulklasse zum Boxen kommen. Sapida half bei den Vorbereitungen und ertappte sich, wie sie schon wieder an Christoph dachte.

Im Grunde war es leichtsinnig gewesen, auf sein Angebot einzugehen, das wusste sie. Sie kannte ihn kaum, aber sie hatte das Geld dringend gebraucht. Die Distanz seines bisherigen Auftretens im Club stand in krassem Gegensatz zu der fröhlichen Zuneigung, die er gestern ihr gegenüber gezeigt hatte. Es hatte zu ihrer Tarnung gehört, das wusste sie. Doch wenn sie jetzt an ihn dachte, dachte sie an den blonden Mann mit den lachenden blauen Augen, nicht an den düsteren mit dem stechenden Blick. Sie erinnerte sich, wie er sie angesehen hatte, als er ihr ihre Alibigeschichte dargelegt hatte, und wie sie anmerkte, es wäre klug, einen Decknamen zu nutzen. Er hatte eine Sekunde nachgedacht und sie angelächelt, ehe er sagte: „Du bist Anoush.“


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Ein Zimmer in dunkler Nacht

„Anoush.“ Die Frau spitzte ihre Lippen und grinste. Sie drehte eine Strähne ihres dicken, blonden Haares um ihre schlanken Finger. „Anoush“, wiederholte sie genüsslich. „Raffiniert.“

Der Mann, der am Fenster stand, ließ den Vorhang fallen und wandte sich zu der Sprecherin um. „Wieso raffiniert?“, fragt er forschend. Sie lächelte träge.

„Nun, weil es jedem, der ein wenig bewandert ist, deine Absichten kundtut“, erwiderte sie.

„Das war die Absicht. Deswegen war sie dort.“ Er beobachtete sie, wie sie sich in dem Sessel räkelte, auf dem sie Platz genommen hatte. Durch halbgeschlossene Lider blickte sie ihn an. Ihr Blick sollte sinnlich wirken, doch er verfehlte seine Wirkung. Er kannte sie und spürte die Berechnung hinter jeder einzelnen ihrer anmutigen Bewegungen.

„Sie war… ungewöhnlich“, schnurrte die Frau. „Sie passte nicht dorthin, und war doch gleichzeitig wild entschlossen, es niemanden merken zu lassen.“ Als er nichts erwiderte, sie nur schweigend musterte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. „Meiner Meinung nach ist sie eine gute Wahl.“

Nun nickte der Mann; offensichtlich war er mit der Antwort zufrieden. Er ging an der Frau vorbei zu einem Schrank, in dem einige kostbare Gläser und gekühlte Karaffen standen, und schenkte etwas ein. Dann reichte er der Frau das Glas, ehe er sich selbst etwas nahm. Sie taxierte ihn bei jeder einzelnen Bewegung, prostete ihm, als er fertig war, zu und trank einen Schluck.

„Wo hast du sie eigentlich gefunden?“, fragte sie, nachdem der erste Tropfen ihre Kehle hinunter geronnen war. Er lächelte.

„In einem Boxclub im Hasenbergl.“

Überrascht blickte sie auf.

„Nicht wahr! So ein… so ein edler Stein lag in diesem Dreck herum?“

Er grinste.

„Oh ja.“ Er nahm noch einen Schluck. „Ich… begann dort meine Arbeit, du kennst es ja, man ist mal dort, mal da. Und eines Abends sah ich sie dort. Es war nicht schwer, herauszufinden, wie ich an sie herankomme. Sie liebt den Kampf und hasst es, die schöne Frau zu sein.“ Er lächelte. „Ich werde ihr beibringen, beides zu lieben.“

„Und dich zu hassen“, ergänze die Frau. Über ihr Glas hinweg durchbohrten ihn ihre Augen. Er sah sie gedankenverloren an.

„Ja“, stimmte er ihr zu, „mich zu hassen. Aber erst, nachdem sie mich geliebt hat.“


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