Requiem

Hier findet ihr den vorigen Teil.


 

Ihr Körper brannte; sie krümmte und wand sich in einem Gefängnis aus Schwärze, die sie einhüllte und lähmte. Ihre Augen waren blind, und doch sah sie Dinge. Sie sah sich windende und miteinander ringende Farben, hörte mit tauben Ohren Schreie, roch mit verklebter Nase Blut. Sie sah sich selbst, zuckend in ihrem Blut auf dem Boden der Lounge und spürte gleichzeitig den harten Boden unter sich. Dann wieder lag sie reglos, festgehalten von Händen, die nur ihrem Mörder gehören konnten. Sie hörte geflüsterte Worte, die sie nicht verstand. Und dann spürte sie rasenden Hunger.

Dieser Hunger war so mächtig, dass er das Gefängnis, das sie umgab, zerriss, doch was dann war, unterschied sich in nichts von dem Wahnsinn vorher. Sie glaubte, wieder sehen zu können, und sah doch Dinge, die keine waren. Sie spürte ihren Körper, doch ihre Bewegungen gehorchten ihr nicht. Sie sah etwas und reagierte, ohne zu wissen, was sie tat. Ihr Geist und ihr Körper rasten. Um sie herum explodierten in einem unerträglichen Konglomerat Farben, Lärm und Lichter. Der Hunger brannte in ihren Eingeweiden, doch dann stillte sie ihn. Sie sah ein Festmahl und griff zu. Ihre Kiefer kauten nicht, doch ihre Kehle schluckte gierig. Es war warm und zuckend und köstlich, und es stillte den nagenden Hunger. Doch in ihrer Lust sah sie, dass es Augen hatte, die sie noch ansahen. Der Blick bohrte sich in ihre Augen hinein, brannte sie aus, und sie lag wieder vor Christopher, sterbend, und der brennende Blick war ihrer, der versuchte, ihn zu vernichten.

Es war vollkommen still. Um sie herum schien es hell zu sein. Langsam kroch etwas in ihren Geist, das ihr sagte, dass sie auf etwas Weichem lag. Dass es warm und trocken war, wo sie war. Dass sie geschlafen hatte und erwacht war.

Sapida öffnete die Augen, langsam und zögerlich. Um sie herum erkannte sie im sanften, gelben Schein einer Lampe ein Zimmer. Es war hell und geschmackvoll eingerichtet, und es kam ihr bekannt vor. Ihr Verstand arbeitete noch langsam, aber sie fühlte sich wohl. Als sie sich regen wollte, spürte sie, dass sie ein Laken zudeckte, und dass sie darunter vollkommen nackt war. Aus irgendeinem Grund regte sie diese Erkenntnis nicht auf. Mit der Selbstverständlichkeit eines Schlafwandlers zog sie das Laken an sich und richtete sich auf.

Als wäre dies ein Signal gewesen, öffnete sich eine Tür, und in dem Moment, als sie erkannte, wer eintrat, wusste sie wieder, wo sie war.

„Gut geschlafen?“ Er kam zu ihr und setzte sich neben sie. Sie lächelte unsicher.

„Ich habe einen Filmriss, glaube ich. Und ich habe irgendwas Furchtbares geträumt.“ Sie schauderte. Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie unter dem Tuch nackt war.

„Ist irgendetwas passiert, das… das ich wissen müsste?“, fragte sie. Christoph berührte ihre Hand. Sie fuhr zusammen, denn seine Haut war sehr kalt. Er hielt sie fest.

„Du musst so vieles wissen, kleine Anoush“, sagte er. Seine Stimme klang zärtlich und auf eine merkwürdige Art zufrieden. In ihr keimte Unwohlsein auf.

„Ich heiße Sapida“, sagte sie und fühlte sich befremdet, ihn daran erinnern zu müssen. Er lachte leise, dann sah er sie direkt an. Und trotz des sanften Lichts fuhr sie zusammen, denn seine Augen zeigten einen unnachgiebigen, stahlharten Ausdruck, der sie zutiefst beunruhigte.

„Nein“, erwiderte er. „Sapida ist tot.“

Und plötzlich stürzte die Erinnerung auf sie ein. An den Abend, den Kuss, das Messer und das Blut. Ihr Blut! Sie sprang auf und fasste sich an die Kehle, doch die war heil und ganz.

„Was… was hast du mit mir gemacht?“, fragte sie. Er stand auf und kam auf sie zu. Urplötzlich keimte Furcht in ihr auf, und sie wich zurück.

„Was ich gemacht habe?“, wiederholte er. „Ich habe dich entdeckt, Anoush, du schönes Raubtier. Ich habe dein Gefängnis zerrissen und dich aus dem Schmutz geholt. Ich habe dir gegeben, was dir gebührt.“ Seine Mundwinkel zuckten, und er lächelte, und es war das furchtbarste Lächeln, das sie jemals gesehen hatte, denn seine Lippen öffneten sich, und in seinem Mund sah sie lange, scharfe Fangzähne.

 


Die ganze Geschichte startet hier.

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Veröffentlicht von

Myrea_F

Myrea ist eine Kunstfigur. Ein Liverollenspielcharakter. Und ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die ein solcher über die Jahre an Spielzeit durchmacht. 2007 als kleine Feld-, Wald- und Wiesenhexe begonnen, ist sie zu einer Vollblut-Heilerin geworden, hat Freunde gefunden und viele, viele Abenteuer durchgestanden. Und ich mit ihr.

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