Millenium

Weiter geht es mit der kleinen Erzählung. Teil 1 und 2 sind hier und hier.


Es war eine grandiose Party. Ein anderes Wort fiel Sapida einfach nicht ein. Überall waren Menschen unterwegs, feierten, tranken und amüsierten sich prächtig.

Sie dachte, nach den Ausflügen ins P1 wäre sie schon einiges gewohnt gewesen. Aber der Kunstpark Ost war nochmal eine ganz andere Welt, viel lebendiger, viel echter. Hier trafen sich Leute aus der Münchner Schickeria ebenso wie Künstler, Geschäftsleute, Punks, Ausflügler und Jugendliche. Und heute? Zum letzten Tag des alten Jahrtausends war scheinbar alles hergekommen, was Rang und Namen hatte. Und alles, was weder das eine noch das andere hatte, sich darum aber nicht scherte.

Christoph hatte sie eingeladen, als Abschluss einiger Aufträge, die sie für ihn gemacht hatte. Nachdem er erfahren hatte, dass sie kein Silvester feiern würde, hatte er beschlossen, sie auf eine „richtige“ Party mitzunehmen.

„Dagegen ist das P1 steif und langweilig“, hatte er gesagt, „mitunter braucht man einfach eine Dosis Anarchie.“ Er hatte dabei gelacht und sie angeblinzelt, und genau dieser Moment war es, der sie die Einladung hatte annehmen lassen.

Und nun schlängelten sie beide sich durch die feiernden Menschenmassen. Von Club zu Club gingen sie, hörten Elektro im Nox, Irish Folk im Pub, gruselten sich in der Geisterbahn. Zwischendrin aßen sie Pizza. Alles um sie herum war lärmend und chaotisch, und Sapida entdeckte nicht nur, dass ihr dieses Tohuwabohu gefiel, sondern auch, dass Christoph hier viel gelöster wirkte als bei den Abenden im P1.

Sie trug das blaue, weich fließende Kleid, dass er ihr nach ihrem ersten Auftrag geschenkt hatte, zusammen mit der Sternenkette, die dazu gehörte, und einem breiten Gürtel, der das ganze weniger elegant und dafür partyhafter wirken ließ. Während sie sich so durch die Menschen treiben ließen, fasste irgendwann Christoph ihre Hand, um sie nicht in der Menge zu verlieren, und für eine Sekunde schien ihr Herz auszusetzen.

Erst dann verstand sie, was sie eigentlich bewogen hatte, diese Einladung anzunehmen: Es war der Gedanke daran, diesen Mann einen ganzen Abend gelöst zu erleben, ohne die förmliche Distanz oder die aufgesetzte Vertrautheit ihrer Aufträge. Sie hatte wissen wollen, wie er sich als Privatmann gab. Und nun fand sie heraus, dass er ungezwungen und locker war. Und dass sie das anziehend fand.

Der Abend schritt fort, und sie spürte, wie sie aus einem unerfindlichen Grund immer nervöser wurde. Die Stunden bis zur Mitternacht rannen dahin, und sie merkte, dass sie das neue Jahr ungeduldig erwartete, ohne zu wissen, warum. Vielleicht lag es wirklich an dem historischen Datum, dem viele mit einer Mischung aus Freude und Beunruhigung entgegensahen.

Gegen halb elf führte Christoph sie in einen Rockschuppen, das Titty Twister. Der Name des Clubs war einem Tarantino-Streifen entlehnt, und als sie gestand, dass sie diesen Film nicht kannte, hatte Christoph ungläubig geschaut und  dann lachend gemeint, dass er das sofort in der kommenden Woche ändern würde. Diese hingeworfene, unachtsame Bemerkung ließ ihr Herz hüpfen, denn ganz offensichtlich dachte er nicht daran, dass dieser Abend ein irgendwie gearteter Abschluss ihres Kontakts sein könnte.

Die Rockmusik und der Cocktail, den Christoph ihr reichte, gingen ihr ins Blut, und sie bewegte sich mit halbgeschlossenen Augen träge zur Musik. Unter ihren Augenlidern hindurch sah sie ihn am Rand der Fläche stehen. Er schien sie zu beobachten. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie ihm mutig zu und war im gleichen Moment schon darüber erschrocken. Denn er erwiderte das Lächeln und trat an sie heran.

Sie hatte bisher nur selten in ihrem Leben überhaupt auf Partys getanzt, und noch niemals war ihr ein Mann dabei in irgendeiner Form nahe gekommen. Jetzt spürte sie Christoph ganz dicht hinter sich. Er berührte sie nicht, aber sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken, und ihr wurde furchtbar heiß. Als das Lied endete, floh sie auf die Toilette und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln.

Als sie zurückkehrte, war sie wieder die unnahbare Schönheit, deren Rolle sie die letzte Zeit so gründlich geübt hatte. Er ließ sich nichts anmerken und sprach so unbekümmert mit ihr, als habe er nichts bemerkt. Nach einer Weile schlug er vor, nach oben zu gehen, denn dort gab es eine Lounge mit großen Fenstern, durch die man das Feuerwerk über der Stadt betrachten konnte.

Sie gingen hinauf. Ihre Beine fühlten sich eigenartig körperlos an, als folgten sie nicht ihrem Willen. Oben war noch nichts los, aber es würde nicht lange dauern, bis noch mehr Zuschauer sich die besten Plätze am Fenster reservieren würden.

Sie standen nebeneinander am Fenster und sahen auf die Lichter der Stadt hinaus. Sapida zog an dem Strohhalm, der in ihrem Cocktail steckte.

„Ich habe mich noch gar nicht für den Abend bedankt“, meinte sie. Er lächelte.

„Gern geschehen. Und ich danke dir für deine Begleitung.“ Er trat einen Schritt näher. „Nicht nur für die gute Arbeit im P1, sondern auch hier. Es war ein wundervoller Abend.“ Sein Lächeln wurde breiter, und der Blick aus seinen Augen ließ sie erzittern. Sie zog hastig an ihrem Cocktail und stellte fest, dass er leer war. Sie wandte sich ab und wollte ihn irgendwo abstellen, doch Christoph war schneller, nahm ihn ihr ab und stellte ihn beiseite. Jetzt waren ihre Hände leer. Ehe sie sich entscheiden konnte, was sie mit ihnen anfangen sollte, ergriff er sie und hielt sie fest.

„Was ist?“, fragte er leise, als er den kalten Schweiß auf ihren Händen spürte. Sie schluckte.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie. Ihr Mund war trocken, und sie blickte hastig beiseite. Jemand hatte die Tür zur Lounge geschlossen. Sie waren allein.

Christoph ließ ihre Hände los, und ein Finger schob sich unter ihr Kinn. Er drehte ihren Kopf und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

„Ich möchte unsere Zusammenarbeit gerne ausdehnen“, sagte er leise, und sie verstand ihn beinahe nicht, so laut klopfte ihr Herz in ihren Ohren. Und ehe sie irgendwas erwidern, überhaupt irgendetwas denken konnte, neigte er den Kopf und gab ihr einen Kuss.

Die ganze Welt schien still zu stehen, zusammenzuschrumpfen auf diesen Augenblick, auf das Gefühl seiner Lippen auf den ihren. Sie wagte kaum zu atmen. Aus ihrem Herzen stieg Hitze auf und erfüllte ihren ganzen Körper. Als er schließlich seine Lippen von ihr löste, musste sie nach Luft schnappen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er. Sie nickte und musste gleichzeitig lachen.

„Ja“, bekam sie schließlich heraus. „Ich war nur…“ Sie brach ab. Wollte sie ihm sagen, dass dies ihr erster Kuss überhaupt gewesen war?

„Ich… ich würde unsere Zusammenarbeit auch gerne ausdehnen“, sagte sie stattdessen und musste über die Formulierung lächeln. Christophs rechte Hand verschwand in seiner Jackentasche, mit der linken ergriff er ihre rechte.

„Das freut mich“, sagte er noch, und plötzlich blitzte in seiner rechten Hand etwas auf. Es war ein Springmesser, und einen Sekundenbruchteil später fuhr die Klinge tief in Sapidas Kehle und zerschnitt ihre Luftröhre.


Hier geht es zum 4. Teil.

Beitragsbild: pyroweb.de
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Veröffentlicht von

Myrea_F

Myrea ist eine Kunstfigur. Ein Liverollenspielcharakter. Und ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die ein solcher über die Jahre an Spielzeit durchmacht. 2007 als kleine Feld-, Wald- und Wiesenhexe begonnen, ist sie zu einer Vollblut-Heilerin geworden, hat Freunde gefunden und viele, viele Abenteuer durchgestanden. Und ich mit ihr.

2 Gedanken zu „Millenium“

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