Woanders, am nächsten Morgen

zweiter Teil zu diesem Beginn: Ein Zimmer in dunkler Nacht


 

Langsam lief sie durch die dunklen Straßen des Viertels. Es war noch früh, und außer den Kindern, die sich auf den Weg in die Schule machten, war noch nichts auf den Straßen und Plätzen los. Nur wenige hier hatten eine Arbeit, die sie zwang, so früh aufzustehen.

Sapida zog den Kopf tiefer zwischen ihre Schultern. Es war frostig, und Reif bedeckte Straßen und das Gras der Grünstreifen. Es knirschte unter ihren Turnschuhen, als sie hinüber zum Stanigplatz ging. Die Kälte unter den dünnen Sohlen ließ sie schaudern, und sie bemühte sich, es zu ignorieren.

Im Ignorieren war sie geübt. In dieser Welt, in der sie lebte, gab es so viel, das sie zu ignorieren gelernt hatte: Die Penner auf den Parkbänken, die verwahrlosten Häuserfronten, die heruntergekommenen Straßen, die mit Glasscherben übersät waren. Sie kickte einen kleinen Stein weg, der neben einem Schlagloch lag.

Der gestrige Abend brannte in ihren Gedanken. Sie war nie viel aus dieser kleinen Welt der Häuserschluchten herausgekommen; der Weg in die Stadt war ihr normalerweise zu weit, und außerdem: Was sollte sie da? Sich in Neid ergehen über all das, was sie nie würde haben können, was niemals erreichbar für sie war? Allein die Fahrt nach Haidhausen war ihr wie ein Abenteuer erschienen. Und dann, als ihr klar wurde, wohin sie ihr Auftrag führen würde …

Sie schüttelte den Kopf, doch die Eindrücke wollten nicht weichen. Die ganze restliche Nacht hatte sie von diesen Stunden geträumt, die sie in eine andere Welt entführt hatten, in eine Welt voller Musik, Licht, schöner Frauen und gepflegter Männer, und in der ein für sie kaum fassbarer Luxus herrschte.

Sie erreichte Ahmeds kleinen Kiosk, der schon geöffnet hatte. Wie jeden Morgen reichte er ihr lächelnd ein Gläschen dampfenden Mokkas. Während das vertraute, fast dickflüssige Getränk über ihre Zunge rann, erinnerte sie sich kurz an den Geschmack des Kaffees, den sie gestern Abend getrunken und der das Fünffache von diesem Glas gekostet hatte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand des Kiosks, genau dort, wo sie jeden Morgen stand. Schüler kamen und gingen, die sich für ein paar Pfennige Süßigkeiten oder ein Negerkussbrötchen kauften. Niemand sprach sie an, aber jeder kannte die große junge Frau in den Hiphop-Klamotten.

Sie blinzelte zum Himmel. Im Osten, über den Sportanlagen, die sich an den Platz anschlossen, begann der Morgen zu dämmern. Die Nacht war eiskalt gewesen, und es versprach ein klarer Tag zu werden. Sie schloss die Augen, nippte an dem heißen Kaffee und dachte nach.

Der Auftrag war keine Schwierigkeit gewesen, und sie hatte fast ein schlechtes Gewissen ob der überreichen Bezahlung. Als sie freilich gestern gesehen hatte, wie die Menschen in diesem Umfeld mit Geld umgingen, war ihr klar geworden, warum Christoph ihr ohne Zögern die Summe geboten hatte, die sie brauchte.

Jetzt war die Arbeit getan, sie hatte das Geld und war wohlbehalten wieder nach Hause gekommen.  Oben in der kleinen Wohnung lag im Schrank, sorgsam zusammengefaltet, das Kleid, das er ihr für den Auftrag gegeben hatte. Heute Nacht auf der abgewetzten Couch hatte sie im Traum manchmal das Gefühl gehabt, der schwere, fließende Stoff streiche noch immer über ihre Haut.

Eigentlich verachtete sie Kleider, doch das lag in erster Linie an den Frauen, die sie hier in dieser Umgebung trugen. Weder mit den verhüllten Müttern in ihren schwingenden Röcken noch mit Gleichaltrigen in ihren billigen, glitzernden Miniröcken konnte sie etwas anfangen. Sie hasste es, mit ihnen verglichen zu werden. Hier, wo jeder die Frau aus dem Boxclub kannte, war das kein Thema mehr. Keiner wagte es, sich mit ihr anzulegen. Genau das hatte ihr den Job bei Christoph verschafft. Doch dort, wo sie eine Abendgarderobe als Teil ihrer Maskerade tragen musste, hatte es ihr letzten Endes nichts ausgemacht. Sie hatte die Blicke gespürt, die sie auf sich gezogen hatte, doch das Wissen, dass sie diese zu einem bestimmten Zweck auf sich nahm, hatte das Ganze erträglich gemacht. Und die Tatsache, dass diejenigen, die mich angesprochen haben, es wenigstens charmanter und weniger plump taten als die Idioten hier, dachte sie nüchtern.

Sie schwenkte langsam das fast leere Glas und betrachtete den dicken Kaffeesatz. Christoph hatte ihr gesagt, sie solle alles auf seinen Namen bestellen, und das hatte sie getan. Trotzdem hatte sie mitbekommen, was die Drinks gekostet hatten. Mit dem Geld, das sie dort vertrunken hatte, hätte ihre Mutter eine Woche haushalten können. Wieder zwickte das schlechte Gewissen.

Schluss jetzt! befahl sie sich, es bringt nichts, darüber nachzusinnen, dass es dort Menschen gibt, die mehr Geld an einem Abend ausgeben, als mancher hier in einem Jahr in seinen Händen hält. Energisch trank sie den Kaffee aus und gab das Glas zurück. Die Welt war ungerecht, aber das war keine neue Erkenntnis.

Als sie sich wieder auf den Weg machte, dachte sie nochmal an ihren Auftraggeber. Sie hatte Christoph als Partner von Arslan kennengelernt, dem der Boxclub gehörte. Er wollte den Club ausbauen und attraktiver machen. Er hatte sie angeheuert, um bei einem heiklen Gespräch ein Auge auf ihn zu haben. Das hatte sie getan. Ihre Dienste waren nicht benötigt worden, aber sie hatte eine Welt gesehen, die sie nur dem Namen nach kannte. Und die sie tief beeindruckt hatte. Doch ob sie ihr auch gefiel, wusste sie nicht recht.

Sie erreichte den Boxclub und trat ein. Arslan und Pavel waren schon da; es würde bald eine Schulklasse zum Boxen kommen. Sapida half bei den Vorbereitungen und ertappte sich, wie sie schon wieder an Christoph dachte.

Im Grunde war es leichtsinnig gewesen, auf sein Angebot einzugehen, das wusste sie. Sie kannte ihn kaum, aber sie hatte das Geld dringend gebraucht. Die Distanz seines bisherigen Auftretens im Club stand in krassem Gegensatz zu der fröhlichen Zuneigung, die er gestern ihr gegenüber gezeigt hatte. Es hatte zu ihrer Tarnung gehört, das wusste sie. Doch wenn sie jetzt an ihn dachte, dachte sie an den blonden Mann mit den lachenden blauen Augen, nicht an den düsteren mit dem stechenden Blick. Sie erinnerte sich, wie er sie angesehen hatte, als er ihr ihre Alibigeschichte dargelegt hatte, und wie sie anmerkte, es wäre klug, einen Decknamen zu nutzen. Er hatte eine Sekunde nachgedacht und sie angelächelt, ehe er sagte: „Du bist Anoush.“


Hier geht es weiter: Millenium

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Veröffentlicht von

Myrea_F

Myrea ist eine Kunstfigur. Ein Liverollenspielcharakter. Und ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die ein solcher über die Jahre an Spielzeit durchmacht. 2007 als kleine Feld-, Wald- und Wiesenhexe begonnen, ist sie zu einer Vollblut-Heilerin geworden, hat Freunde gefunden und viele, viele Abenteuer durchgestanden. Und ich mit ihr.

2 Gedanken zu „Woanders, am nächsten Morgen“

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