Ein Zimmer in dunkler Nacht

„Anoush.“ Die Frau spitzte ihre Lippen und grinste. Sie drehte eine Strähne ihres dicken, blonden Haares um ihre schlanken Finger. „Anoush“, wiederholte sie genüsslich. „Raffiniert.“

Der Mann, der am Fenster stand, ließ den Vorhang fallen und wandte sich zu der Sprecherin um. „Wieso raffiniert?“, fragt er forschend. Sie lächelte träge.

„Nun, weil es jedem, der ein wenig bewandert ist, deine Absichten kundtut“, erwiderte sie.

„Das war die Absicht. Deswegen war sie dort.“ Er beobachtete sie, wie sie sich in dem Sessel räkelte, auf dem sie Platz genommen hatte. Durch halbgeschlossene Lider blickte sie ihn an. Ihr Blick sollte sinnlich wirken, doch er verfehlte seine Wirkung. Er kannte sie und spürte die Berechnung hinter jeder einzelnen ihrer anmutigen Bewegungen.

„Sie war… ungewöhnlich“, schnurrte die Frau. „Sie passte nicht dorthin, und war doch gleichzeitig wild entschlossen, es niemanden merken zu lassen.“ Als er nichts erwiderte, sie nur schweigend musterte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. „Meiner Meinung nach ist sie eine gute Wahl.“

Nun nickte der Mann; offensichtlich war er mit der Antwort zufrieden. Er ging an der Frau vorbei zu einem Schrank, in dem einige kostbare Gläser und gekühlte Karaffen standen, und schenkte etwas ein. Dann reichte er der Frau das Glas, ehe er sich selbst etwas nahm. Sie taxierte ihn bei jeder einzelnen Bewegung, prostete ihm, als er fertig war, zu und trank einen Schluck.

„Wo hast du sie eigentlich gefunden?“, fragte sie, nachdem der erste Tropfen ihre Kehle hinunter geronnen war. Er lächelte.

„In einem Boxclub im Hasenbergl.“

Überrascht blickte sie auf.

„Nicht wahr! So ein… so ein edler Stein lag in diesem Dreck herum?“

Er grinste.

„Oh ja.“ Er nahm noch einen Schluck. „Ich… begann dort meine Arbeit, du kennst es ja, man ist mal dort, mal da. Und eines Abends sah ich sie dort. Es war nicht schwer, herauszufinden, wie ich an sie herankomme. Sie liebt den Kampf und hasst es, die schöne Frau zu sein.“ Er lächelte. „Ich werde ihr beibringen, beides zu lieben.“

„Und dich zu hassen“, ergänze die Frau. Über ihr Glas hinweg durchbohrten ihn ihre Augen. Er sah sie gedankenverloren an.

„Ja“, stimmte er ihr zu, „mich zu hassen. Aber erst, nachdem sie mich geliebt hat.“


Hier geht es weiter: Woanders, am nächsten Morgen

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Veröffentlicht von

Myrea_F

Myrea ist eine Kunstfigur. Ein Liverollenspielcharakter. Und ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die ein solcher über die Jahre an Spielzeit durchmacht. 2007 als kleine Feld-, Wald- und Wiesenhexe begonnen, ist sie zu einer Vollblut-Heilerin geworden, hat Freunde gefunden und viele, viele Abenteuer durchgestanden. Und ich mit ihr.

3 Gedanken zu „Ein Zimmer in dunkler Nacht“

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